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01:05 24.12.2021

Seit meinem zehnten Lebensjahr war es mein sehnlichster Wunsch, einmal mit meiner Mutter zu verreisen. Sie stand damals den ganzen Tag in dem kleinen Milchgeschäft meines Stiefvaters, hatte kaum Freizeit und noch nie Urlaub gemacht. 

Erst viele Jahre später – im Oktober 1973 – sollte sich mein Wunsch endlich erfüllen. Jetzt lebte meine Mutter allein und arbeitete als Schwesternhelferin, während ich mein erstes Examen als Lehrerin bestanden hatte.

Kurz entschlossen gingen wir in ein Reisebüro und buchten eine Woche Sonne auf Teneriffa.

Es war eine unvergessliche Zeit, in der ich meine Mutter so fröhlich und ausgelassen erlebte wie schon lange nicht mehr. Hier, in diesem schönen Hotel mitten im Orotavatal, schienen alle Sorgen um ihre Krebserkrankung zu verblassen. Die Woche ging viel zu schnell vorüber, und schon auf dem Rückflug hatten wir nur einen Gedanken: „Wann buchen wir die nächste Reise?“

Es blieb nicht bei einer zweiten Reise. Wir waren siebenmal in „unserem Hotel“ und hießen inzwischen nur noch „Mama“ und „Pepita“. Vielleicht ahnten wir beide, dass es darum ging, unsere verbleibende gemeinsame Zeit so schön wie möglich zu verbringen. Denn der Krebs kam wieder, und über Weihnachten 1976 sollte unsere letzte gemeinsame Reise gewesen sein. Beim Abschied von „unserer Insel“ waren wir so traurig, als fühlten wir, dass es für uns das letzte Mal sein würde.

Wenige Monate später starb meine Mutter, und ich fühlte mich mit meinen 25 Jahren mutterseelenallein – im wahrsten Sinne des Wortes.

Im Herbst des Jahres deprimierte mich schon allein der Gedanke an das nächste Weihnachtsfest. Verzweifelt rief ich Elke in Bühl und Ingo in Köln an. Beide waren Urlaubsbekanntschaften und Teneriffa-Fans. Ich erzählte ihnen, was passiert war und dass mir vor Weihnachten graute. Schließlich fragte ich sie, ob wir uns nicht in „unserem Hotel“ auf Teneriffa treffen könnten. Zu meiner großen Erleichterung versprachen mir beide, sofort zu buchen.

Einen Tag vor Weihnachten landete ich zum ersten Mal allein auf Teneriffa. Während der Fahrt zum Hotel hatte ich sehr gemischte Gefühle. Einerseits war ich froh, dem sentimentalen Weihnachtsfest zu Hause entflohen zu sein, andererseits hatte ich Angst vor den Fragen nach meiner Mutter.

An der Hotelrezeption wurde ich sehr herzlich begrüßt, aber natürlich auch sofort gefragt, warum ich allein gekommen sei. Auf meine Antwort folgte Bestürzung, begleitet von ehrlichem Bedauern und Mitgefühl. Ich schlich auf mein Zimmer und holte erst einmal tief Luft. Es ging mir aber schnell besser, denn ich war da, wo ich sein wollte, und würde mich gleich mit Elke und Ingo treffen. Als wir drei am Abend an der Hotelbar saßen und uns unterhielten, lag eine eigenartige Stimmung in der Luft. Wir hörten von anderen Hotelgästen, dass in einigen Hotels gestreikt wurde.

Heiligabend war eine gewisse Unruhe zu spüren, aber niemand wusste so recht, was los war. Kurz vor dem Weihnachtsessen hielten wir uns mit vielen anderen Hotelgästen vor dem Speisesaal auf. Elke, Ingo und ich standen nicht weit von der Rezeption entfernt, und ich sah, wie Paco, der Barkeeper, mir ein Zeichen machte. Ich ging zu ihm.

Noch bevor ich etwas fragen konnte, flüsterte er mir in seinem spanisch gefärbten Englisch zu: „No Christmas Dinner, only … “, und er zeigte auf Lunchpakete in Tüten. Es wurde gestreikt, und meine Enttäuschung war riesengroß. Ein kleines Stückchen heile Welt, das ich gerade so dringend brauchte, ging für mich verloren. Kein Weihnachtsessen … Paco sah es mir wohl an. Er zog bedauernd die Schultern hoch und sagte leise: „Lo siento mucho.“ Ich spürte, dass es ihm sehr leid tat, versuchte ein schiefes Lächeln und bedankte mich.

Nachdem ich Elke und Ingo die Lage erklärt hatte, wollten wir nur noch weg, egal wohin. Wir bestellten ein Taxi und gingen hinaus in die milde subtropische Abendluft. Unser Taxi kam. Dass sich Weihnachtsengel als Taxifahrer verkleiden, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Mit meinem lückenhaften Spanisch bat ich den Fahrer, uns zu irgendeinem Restaurant zu bringen, wo wir etwas essen könnten, denn in unserem Hotel würde gestreikt. Unser Fahrer, ein Einheimischer mittleren Alters, wiegte bedenklich den Kopf. Nach kurzem Zögern fuhr er mit uns zunächst in das nahe liegende Puerto de la Cruz. Dort hielt er vor jedem Restaurant, aber an allen Türen hing das Schild „Cerrado“ – geschlossen. Er sah mich fragend an. Nach kurzer Absprache mit meinem Team auf der Rückbank bat ich ihn, nach Santa Ursula zu fahren, einem kleinen Ort in der Nähe. Aber auch dort hatten wir kein Glück. Da saßen wir nun und wussten nicht weiter. Plötzlich schlug unser Fahrer mit der Hand auf das Lenkrad, ließ ein Trommelfeuer spanischer Flüche los und gab Gas.

Auf meine vorsichtige Frage, wohin wir fahren würden, gab er mir eine Antwort von der ich nur „Familia“ und „Fiesta“ verstand. Wir fuhren eine ganze Weile bergauf und hielten vor einem einsamen Gebäude. Es sah aus wie eine überdimensionale Garage. Davor stand ein großer Grill mit Fleisch, das köstlich nach Kräutern duftete. Mein Magen zog sich zusammen und knurrte laut. Unser Fahrer verschwand in dem Gebäude, kam aber nach kurzer Zeit mit einem breiten Lächeln zu uns zurück. Seiner wortreichen Erklärung entnahm ich, dass seine Familie hier Weihnachten feierte und wir herzlich willkommen seien. Wir betraten etwas gehemmt einen großen ungeschmückten Raum, der so gar nicht weihnachtlich wirkte, aber erfüllt war von temperamentvollen Menschen und fröhlichem Lachen. Die herzliche Begrüßung nahm uns sofort alle Bedenken, und blitzschnell stellte man für uns einen Holztisch mit Stühlen auf. Kaum saßen wir, wurden aromatisch duftende Köstlichkeiten gebracht. Es war wie in dem Märchen vom „Tischlein-deck-dich“, und ich kann mich nicht erinnern, jemals wieder so lecker gewürztes Hühnerfleisch gegessen zu haben. Wir aßen mit solchem Genuss, dass man uns immer wieder Nachschub brachte. Unser „Weihnachtsengel“ pendelte zwischen seiner Familie und uns hin und her, freute sich über unseren gesegneten Appetit und unsere strahlenden Gesichter. Im ganzen Raum herrschte eine ausgelassene Stimmung, zu der auch der gute Landwein beitrug. Als es langsam Zeit zum Aufbruch wurde, gab es eine kurze Diskussion. Die Rechnung für das Essen war viel zu niedrig, deshalb legten wir erheblich mehr Geld auf den Tisch und versuchten mit Worten und Gesten, unsere Dankbarkeit für diesen unverhofft schönen Weihnachtsabend zum Ausdruck zu bringen. Um den Stolz der Gastgeber nicht zu verletzen, schlug ich vor, das Geld den Kindern zu geben. Damit waren schließlich alle zufrieden, und unser verkleideter Weihnachtsengel fuhr uns zum Hotel zurück. Dort verabschiedeten wir uns wie von einem alten Freund, mit Umarmung und Küsschen. Zu dem lächerlich niedrigen Fahrpreis gaben wir ihm ein fürstliches Trinkgeld, obwohl er uns einen eigentlich unbezahlbaren Weihnachtsabend geschenkt hatte. Elke, Ingo und ich gingen noch an die Hotelbar, denn Paco streikte nicht und hörte sich unsere abenteuerliche Geschichte von der Suche nach einem Weihnachtsessen schmunzelnd an.

Es war der ungewöhnlichste Heilige Abend, den ich je erlebt habe. Inzwischen sind über vierzig Jahre vergangen, aber meine Erinnerung ist so lebendig geblieben, dass ich mit geschlossenen Augen das gegrillte Hühnerfleisch riechen kann.

Gesa Krell, 70 Jahre, Kiel

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