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18:30 11.11.2019
Auch bei der Visite hat die Digitalisierung in vielen Kliniken längst Einzug gehalten. Foto: Christian Wyrwa
6K KlinikVerbund Schleswig-Holstein
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Die Mitgliedshäuser des 6K-Klinikverbundes in Schleswig-Holstein setzen bei der zukünftigen Entwicklung der Kliniken auf die Chancen der Digitalisierung. Der Vorsitzende des Verbundes, Dr. Roland Ventzke, sieht bei der Umsetzung der Medizin 4.0 vor allem einen Gewinner – den Patienten.  

Die Zukunft tragen viele Patientinnen und Patienten bereits am Handgelenk. Mit so genannten Wearables lassen sich schon heute wichtige Köperfunktionen aufzeichnen und für die Diagnose von Krankheiten nutzen. Manche handelsüblichen Geräte sind in der Lage ein hochwertiges EKG zu schreiben und sind zum Teil auch in Deutschland als Medizinprodukt zugelassen. Störungen des Herzrhythmus, die bislang lange unentdeckt bleiben, können auf diese Weise schnell erkannt und behandelt werden. Auch im Notfall können die Daten aus dem Minicomputer Medizinern bereits erste wichtige Hinweise geben und die Diagnostik erleichtern. Die Frage ist nur, wie die neuen technischen Möglichkeiten und die Strukturen des deutschen Gesundheitswesens zum Nutzen der Patienten verknüpft werden können?  

Dimension der Digitalisierung im MIttelpunkt

Das sind Fragestellungen und Themen, mit denen sich die Führungskräfte des 6K-Klinikverbundes am kommenden Wochenende bei ihrer Klausurtagung in Lübeck beschäftigen werden. Unter dem Titel „Dimensionen der Digitalisierung“ soll es um Innovationen und Entwicklungen gehen, die die Krankenhauslandschaft prägen werden. Außer zu den Wearables werden sich die Klinikexperten auch über die Digitalisierung in der Pflege, der Dokumentation und Logistik sowie den Möglichkeiten der Fernbehandlung austauschen. Insgesamt elf Vorträge stehen auf dem Programm.
     

Städtisches Krankenhaus Kiel GmbH

Digitales Denken auf allen Ebenen notwendig

Für den Vorsitzenden des 6K-Klinikverbundes, Dr. Roland Ventzke, sind die Auswirkungen der Digitalisierung mit denen der Industrialisierung vergleichbar. Zwar haben Computersysteme schon vor vielen Jahren Einzug in die sechs Mitgliedskrankenhäuser gehalten. Der Einsatz von IT im Management wie in der Medizin gehört schon seit langem zum Klinikalltag. „Doch Medizin 4.0 ist weitaus mehr als das papierlose Krankenhaus“, betont Dr. Ventzke. Nach Auffassung des 6K-Vorsitzenden erfordern die neuen medizintechnischen Möglichkeiten eine ganz neue Organisationsform des deutschen Gesundheitswesens und Veränderungen der Arbeitsabläufe in den Kliniken. „Das stellt insbesondere für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Herausforderung dar. Aber wir müssen auf allen Ebenen beginnen, digital zu denken“, so Dr. Ventzke.

Pilotprojekte zur Telemedizin gestartet

Wie die Zukunft aussehen kann, zeigt seit einigen Wochen ein landesweites Pilotprojekt aus dem Friedrich-Ebert-Krankenhaus Neumünster, das neben den imland-Kliniken, dem Klinikum Bad Bramstedt, dem Klinikum Itzehoe, dem Städtischen Krankenhaus Kiel und den Westküstenkliniken zum 6K-Verbund gehört. Dort wird seit August eine Videosprechstunde angeboten. Vereinfacht gesagt, soll über diesen Weg außerhalb der Praxisöffnungszeiten versucht werden, die Zahl der Patienten mit „Husten, Schnupfen, Heiserkeit“ in den Notaufnahmen zu reduzieren. Statt lange in dem Wartebereich der Notaufnahme zu verbringen, können sich Patienten online an das FEK wenden und von einem Mediziner beurteilen lassen, ob der Besuch beim Hausarzt ausreichend ist oder ein Notfall vorliegt.

In Dithmarschen wiederum haben sich niedergelassene Mediziner, Pflegeeinrichtungen und die Westküstenkliniken unter dem Totel „TelemedNetz SH“ vernetzt, um Hausärzten in dem Flächenkreis lange Wege zu ersparen und unnötige Krankenhauseinweisungen zu vermeiden. Erkrankt der Bewohner eines Pflegeheims, kann eine Pflegefachkraft einen Mediziner online kontaktieren, der sich über Video im wahrsten Sinne des Wortes „ein Bild von seinem Patienten“ macht. Oft reicht das dann schon, um die notwendigen Anordnungen zu treffen. Ein Modell, das Schule machen kann, wenn die Zahl der Landärzte in den kommenden Jahren weiter sinken sollte.
    

Der Befundungsbildschirm erleichtert die tägliche Arbeit. Foto: Pepe Lange
Der Befundungsbildschirm erleichtert die tägliche Arbeit. Foto: Pepe Lange

Neue Techniken eröffnen Chancen für ländlichen Raum

„Die neuen Techniken eröffnen gerade uns in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein mit Inseln und weiten Wegen zum nächsten Krankenhaus oder Facharzt Chancen bestehende Ressourcen bei der Versorgung der Bevölkerung optimal zu nutzen. Das gelingt aber nur durch eine Zusammenarbeit aller Beteiligten“, sagt der Geschäftsführer der Westküstenkliniken, Dr. Martin Blümke.

Die Westküstenkliniken richten in diesem Jahr die 6K-Klausurtagung aus und haben ihre Standorte in Heide und Brunsbüttel bereits seit langem mit modernen Datenleitungen verbunden und nutzen die Telemedizin beispielsweise bei der Behandlung von Schlaganfällen oder der Pädiatrie.

Generell hoher Vernetzungsgrad in den Kliniken

Generell weisen die 6K-Kliniken innerhalb der eigenen Mauern einen hohen Grad an Vernetzung aus. Elektronische Krankenhausinformationssysteme – so genannte KIS – erleichtern Behandlungsteams einen schnellen Zugriff auf alle relevanten Informationen. Das hilft gerade bei Patienten, die schon eine längere Behandlungsgeschichte haben oder während ihres Krankenhausaufenthaltes die Abteilungen wechseln. Der nächste Schritt ist die Erfassung der Patientendaten oder die Dokumentation von Wunden über mobile Endgeräte wie iPads. Im Klinikum Itzehoe oder den Westküstenkliniken sind die tragbaren Helferlein bereits im Einsatz. Im Städtischen Krankenhaus in Kiel werden die iPads im Rahmen der Ausbildung genutzt. Die imland-Kliniken haben dazu gerade ein Investitionsprogramm verabschiedet.

Auch untereinander sind die 6K-Kliniken vernetzt. Im Holsteinischen Brustzentrum, zu dem sich die imland Kliniken, das Klinikum Itzehoe, das Friedich-Ebert-Krankenhaus und die Westküstenkliniken zusammengeschlossen haben, findet ein entsprechender Austausch von Daten statt. Darüber hinaus beraten die Experten der vier Häuser einmal wöchentlich in einer Videokonferenz über die passende Behandlung für die jeweiligen Patientinnen.

Hohe Standards beim Datenschutz

Der schnelle Datenaustausch, die Nutzung mobiler Endgeräte und die Vernetzung mit externen Partnern bergen aber auch Risiken für Angriffe. Datensicherheit hat daher in den Häusern des 6K-Verbundes oberste Priorität – noch vor der Einführung neuer Techniken. „Der Schutz von Daten hat Vorrang vor deren Austausch. Daher investieren wir innerhalb des 6K-Verbundes aktuell mehrere Millionen Euro in eine sichere Dateninfrastruktur und gehen auch in punkto Sicherheit mit der Zeit“, sagt Dr. Roland Ventzke.

Aber auch zum Schutz ihres Inventars setzen die Kliniken auf moderne Technik. Das Klinikum Bad Bramstedt testet gerade die Ortung seiner Kofferwagen. Was die Haustechniker bei der Suche nach den Wägelchen freut, hat einen ernsten Hintergrund. Denn künftig sollen auch teure Medizinprodukte mit kleinen Sendern versehen werden, um möglichen Diebstahl - durch Alarmierung - zu verhindern.

„Die Digitalisierung wird das Gesundheitswesen stark verändern. Das ist zwar eine Herausforderung, aber kein Schreckensbild. Im Gegenteil: Anders als in anderen Branchen wird der Einsatz neuer Technologien nicht mit einem Abbau von Arbeitsplätzen verbunden sein. Vielmehr werden wir die vorhandenen, knappen Ressourcen besser nutzen können. Das ist eine Chance, die wir alle ergreifen sollten: Die Kliniken, die niedergelassenen Ärzte, Krankenkassen, die Politik und auch die Patientinnen und Patienten. Wir als Kliniken des 6K-Verbundes werden unseren Teil dazu beitragen“, so Dr. Roland Ventzke.


Dr. Roland Ventzke Vorsitzender des 6K Klinikverbundes und Geschäftsführer Städtisches Krankenhaus Kiel                  Foto: Timo Wilke
Dr. Roland Ventzke Vorsitzender des 6K Klinikverbundes und Geschäftsführer Städtisches Krankenhaus Kiel                  Foto: Timo Wilke

Welchen Stellenwert hat die Krankenhauspflege Ihrer Meinung nach in unserer Gesellschaft?

Bei dieser Berufsgruppe handelt es sich um hochqualifizierte Fachkräfte, ohne die ein Krankenhaus seine Aufgaben, nämlich Patientinnen und Patienten kompetent zu versorgen, nicht erfüllen könnte. Die Pflege ist die größte Berufsgruppe in den Kliniken, die allerdings in den letzten Jahren gerade auch durch Rahmenbedingungen, die die Politik vorgegeben hat, erhebliche Beeinträchtigungen hinnehmen musste. Es wurden politische Rahmenbedingungen geschaffen, die zu einem hohen Kostendruck in den Kliniken auch zu Lasten des Pflegedienstes geführt haben. Die Arbeitsdichte ist deshalb in den letzten Jahren enorm gestiegen.

Die Politik hat reagiert – ändert das Pflegepersonalstärkungsgesetz (PPSG) an dieser Entwicklung etwas?

Die Politik steuert mit diesem Gesetz, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist und tatsächlich einige Unklarheiten sowie bürokratischen Aufwand für Krankenhäuser bringt, in die grundsätzlich richtige Richtung. Das betrifft vor allem die jetzt geltende gesonderte Finanzierung der Pflege am Bett. Danach können viele Kliniken ab 2020 erheblich mehr Pflegepersonal einstellen und damit im Klinikalltag für Entlastung sorgen.

Gibt es genug Pflegekräfte auf dem Arbeitsmarkt?

Genau das ist das Problem. Zwar könnten wir jetzt mehr Pflegekräfte einstellen, tatsächlich müssen wir dieses zusätzlich so notwendige Personal aber erst einmal finden. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Neueinstellungen geschehen hauptsächlich durch den Wechsel von Klinik zu Klinik oder aus dem (Alten-)Pflegebereich.

Welche Folgen hat der Wettbewerb um Pflegekräfte, welche Maßnahmen ergreifen Sie?

Auf der einen Seite ist die Folge wahrscheinlich der Abbau von Bettenkapazitäten, der ganz explizit von der Politik gewollt ist. Ganz klar eine Strategie, die zu Lasten der Patientinnen und Patienten sowie der Pflegekräfte geht. Auf der anderen Seite gilt es, sich jetzt als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren und neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen.

Dazu gehört es, junge Menschen für den Ausbildungsberuf der Gesundheits- und Krankenpflege zu begeistern. Das sollte nicht schwer sein, denn nach wie vor genießt die Pflege in der Öffentlichkeit hohes Ansehen. Die Zukunftsaussichten mit allen Chancen, die auch die Digitalisierung bietet, sind außerordentlich gut. Das Berufsbild wir immer vielseitiger.

Es geht aber auch darum, erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die in den letzten Jahren aus den unterschiedlichsten Gründen „ausgestiegen“ sind oder reduziert haben, zurückzugewinnen.

Wie soll das geschehen? Welche Aufgabe kommt dabei der Politik zu?

Als Arbeitgeber versuchen wir – immer da wo es möglich ist – auf individuelle Bedürfnisse unserer Mitarbeiter einzugehen, sei es bei der Dienst- und Urlaubsplanung, der Kinderbetreuung, etc.

Einige unserer Kliniken im 6K-Verbund bieten Wiedereinstiegsprogramme an, die gezielt darauf ausgerichtet sind ehemals in der Gesundheit- und Krankenpflege Tätige wieder in den beruflichen Alltag der Pflege zu integrieren. Weiterhin gibt es Kliniken, die eine Teilzeitausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege anbieten. Damit gewinnen wir Alleinerziehende oder Interessierte, die aus verschiedensten Gründen nicht die Möglichkeit haben eine Ausbildung in Vollzeit zu absolvieren. Daneben werden die Ausbildungskapazitäten in fast allen Kliniken erhöht.

Wir als Kliniken im 6K-Verbund stehen bereit, unsere Verantwortung bei der Zukunftsgestaltung der Arbeitsbedingungen und der Patientenversorgung zu übernehmen.
   

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